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                                                             August 2014

tactually im Gespräch mit Marie von Chamier, Schmuckdesignerin und Inhaberin des Goldschmiede-Ateliers ‚Der 4. König‘ in Köln, das sie gemeinsam mit Ihrem Mann Klaus Arck führt.


„Stil hat wenig mit äußerlichen, modischen Aspekten zu tun.“

Welche Musik hören Sie?
Querbeet, demnächst die Walküre von Wagner in Bayreuth auf den Festspielen. Mein Schwager ist dort aufgewachsen und organisiert die Karten; ich bin zum zweiten Mal dort. Im Urlaub habe ich viel Reggae gehört, mein 18jähriger Sohn hatte die Boxen mit am Strand.
(Marie von Chamier lacht, wie häufig während unseres Gesprächs.)
Ich höre nicht so viel gezielt Musik, gern auch Radio Campus, WDR 5 – Reggae, Soul, Hip Hop, auch Singer & Songwriter wie Scott Matthew, den ich letztens auf einem Popkonzert gesehen habe oder Will Oldham ‚Bonny Prince Billie‘. Wenn ich alleine arbeite lege ich mir Musik auf, Chilly Gonzales liegt gerade hier und Benjamin Biolay.
Was ist Stil?
Einfach ein Ausdruck einer Haltung. Dabei sind Brüche immer erlaubt, Persönlichkeiten haben Widersprüche. Wichtig finde ich allerdings die Möglichkeit, sich zu verorten und in irgendeiner Form verbunden zu fühlen.
Stil hat wenig mit äußerlichen, modischen Aspekten zu tun – obwohl es mich je nach Mode auch zu den größeren Ringen und breiteren Ketten zieht.
Es gibt Stücke in meiner Garderobe, die habe ich seit 25 Jahren und fühle mich gut in ihnen, ich kombiniere sie nur anders als früher. Von außen wahrgenommen ist das ein Wiedererkennungswert – wenn andere sagen: „Das ist Marie.“
Wann fiel die Entscheidung für das, was Sie tun?
Ich habe vorher andere Berufsanläufe durchdacht und war Anfang 20, als ich mit dem begann, was ich jetzt mache. Mit meinem damaligen Freund bin ich nach Berlin gefahren, es gab Leute dort, die ich kannte – wie die Tochter des international bekannten Goldschmieds Hermann Jünger, der lange an der Akademie der bildenden Künste in München gelehrt hat. Ich habe bei seiner Studentin Traudl Kammermeier angefragt und bei ihr zwei Jahre ein Fachpraktikum gemacht. Mit meiner Mappe bekam ich in Pforzheim und Köln eine Zusage und studierte als eine der letzten Absolventinnen im Bereich Schmuckgestaltung an der Fachhochschule Köln in der Klasse von Peter Skubic. Das Geld zum Leben habe ich in der Gastronomie verdient. Durch die Berlin-Köln-Connection kam ich 1987 ins Königswasser, die Kneipe der Schmuckstudenten, ein Jahr vorher von Klaus Arck, Andreas Treykorn, Patrick Muff und der Theaterwissenschaftlerin Karin Witte eröffnet. Königswasser ist übrigens die einzige Säure, die Gold löst. Zu dritt, mit Klaus Arck und Patrick Muff, haben wir dann ein Schmuckatelier eröffnet, das Königswasser haben wir bis 1993 geführt. 
Warum Köln?

Nach Köln kam ich wegen des Studiums, weil ich lieber in die Großstadt wollte als nach Pforzheim. Obwohl ich sehr gern an der Design PF – der Pforzheimer Fachhochschule für Gestaltung – studiert hätte.

Wie prägt Köln Ihren Stil?

Wir beziehen uns im '4. König' auf den großen Goldschatz, das ist schon mal eine schöne Behauptung.(Marie von Chamier lacht.)
Auf dem Dreikönigsschrein ist im Hintergrund ein vierter König zu sehen, nämlich Otto IV. Wir wollen uns gern einreihen in die legendären Kölner Könige. 
Mein Mann hat einen Anhänger gebaut, mit Korallen und Brillanten. Als er fertig war sah er aus wie die Kreuzblume vor dem Haupteingang des Kölner Doms. Dabei war diese Ähnlichkeit nicht beabsichtigt – das sind Bilder, die eingespeichert sind. In ein paar unserer Stücke haben wir auch die rot-weiße Farbkombination des Kölner Stadtwappens eingebaut.
Was ist typisch für die Kölner Geschäftskultur und wo sehen Sie neue Ansätze?
In Köln gibt es viele Künstlerateliers, das färbt aufs Geschäftsleben ab. Und es gibt diese kleinen Läden, die ausprobieren, wie in Ehrenfeld und früher im Belgischen Viertel, manchmal sind sie nur temporär da – die geben ein buntes, frisches Bild. Das ist mir näher als ein ausgearbeitetes Konzept mit Marktforschung vorher und allem Drumherum.